Seit einigen Tagen glühen in den USA die Drähte. Umair Haque, den geneigten Lesern bereits bekannt als Direktor und Vordenker des Havas Media Lab und seines Zeichens Großblogger beim Harvard Business Review hat mal wieder seine Lieblingsmetapher (bubblegeneration) an die Projektionsfläche unser aller Lieblingsdiskussion gepinselt. The Social Media Bubble.
In dem Text vergleicht er die Inflation dünner Verbindungen mit allerlei Menschen per Social Media mit der Subprime-Krise und deren unterdurchschnittlichen Krediten. Aus seiner Sicht sind diese Online-Bekanntschaften eher eine Illusion echter menschlicher Bindungen, die auf gemeinschaftlichem Handeln und Erleben beruhen. Die Bindungen im Social Media Land basieren nicht auf gegenseitigem Investment von Zeit, Wissen und Beachtung und sind aus Sicht von Haque somit defiziente Formen menschlicher Bindungen – wenn überhaupt.
Die Gründe für diesen Abgesang auf die Online-Verbindungen sieht er darin, dass trotz oder wegen der Inflation der Verbindungen das Vertrauen kaum gewachsen ist. Die Gesellschaft sieht er durch diese neue Art der Bindungen nicht im Vorteil.
Außerdem ist das Netz angetreten, die ehemaligen Türsteher der Macht zu demokratisieren. Aber diese Entmachtung der ehemaligen Gatekeeper ist nicht nachzuweisen. Aus seiner Sicht ist das Vorhaben, die Mittelsmänner und Broker auszuschalten gescheitert.
Dies wird erweitert durch eine Einschätzung, die dem Mob-Argument von Jaron Lanier sehr nahe kommt, denn mit Verweis auf die Kommentar-Kultur im Web erklärt er die dort vorherrschende Sprache zu etwas, das einem Schuß im Vorbeifahren näher kommt als einem Angebot zum Dialog. Er erklärt dies durch das menschliche Verhalten des Zusammenrottens Gleichgesinnter, die stetig dieselben Überzeugungen durch ihre gemeinsame Wahrnehmungen bestätigt sehen und damit einen hermetisch geschlossenen Raum der Bedeutung bilden.
Und den Abgrund seiner Argumentation bildet Haque mit dem Gedanken, dass man den mangelnden Wert der Online-Beziehungen vor allem darin sehen kann, dass eigentlich niemand – vor allem nicht die Werbeindustrie – bereit sind, dafür etwas zu bezahlen.
Und offenbar ist das noch nicht genug, denn er überschreitet diesen Abgesang noch mit einer Einschätzung der Online-Relationen: Menschen erkennen seltener, was sie selbst wollen und brauchen, da sie sich auf die Empfehlungen der Bekannten und Online-Freunde verlassen. Menschen investieren Lebenszeit in niederen Content, sodass sie Farmville höher bewerten als den Klassiker Casablanca mit Humphey Bogart. Hier sei mir die Frage erlaubt, wie man denn gemeinsam an dem Film gestalten könnte, was offenbar der Reiz bei Farmville ist: Dass man in Konkurrenz zueinander und auch gemeinsam seinen Hof bewirtschaften kann. Es ist eine Simulation und damit ein Geschehen, das aufgrund der eigenen Aktionen eine Änderung erfährt, was durch den sozialen Charakter des Spiels als Teil des Facebooks-Netzes zum Vergleichen und Kommunizieren über das Erreichte anreizt. Achtung Anerkennung! Wo bitte kann ich mich im Film mit Kollegen über meinen Einfluß auf das Drehbuch oder den Szenenbau auseinandersetzen und Tipps austauschen? Was soll also so ein Vergleich bedeuten? Aber er setzt nocht einen drauf und vergleicht sowohl den Film als auch Farmville mit Kiva, einem beispielhaften philanthropischen Online-Projekt für Mikrokredite wie auch ashoka, die beide als Vorbilder für das hierzulande besser bekannte Nachahmerprojekt betterplace.org dienten.
War der Text schon vorher voller einseitiger, man kann fast sagen frustrierter Liebe zum Web, die in Abscheu umzuschlagen droht, wird es an dieser Stelle schlicht dumpfer Quatsch auf dem geistigen Niveau der Schirrmacher-Debatte. Es werden Dinge verglichen, die verschiedenen Kategorien angehören, um ein emotional aufgeladenes Ressentiment eher schlecht als recht zu begründen. Man kann und sollte all diesen Diskussionen rund um die Potenz des Social Media mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen, wie sie jeden nachmittelalterlichen Menschen schmückt. Aber wenn man die einstigen Lobreden auf die demokratische Potenz des Web 2.0 mit einer solchen Vehemenz negiert, dann wir mir mulmig und ich fordere instinktiv die aristotelische Mitte. Er hat schon Recht, wenn er feststellt, dass die Suche (oder Sucht) nach möglichst vielen Online-Kontakten in den Sozialen Netzwerken alle schlechten Eigenschaften eines Schönheitswettbewerbs zur Folge hat, aber schlicht in den Raum zu werfen, es ging nur um Vertrauen, echte Bindung und echte Gemeinschaft, überbietet diese platten Wettbewerbe in keiner Weise intellektuell oder menschlich.
Umair Haque hatte sich in letzte Zeit schon bei der einen oder anderen Veranstaltung mit seinem Konzept des konstruktiven Kapitalismus etwas verrannt – hier ist er aus meiner Sicht an irgendeiner Bushaltestelle zu früh abgebogen und ist dem süßen Duft des Weinbrands der vorschnellen Enttäuschung erlegen. Schade, wieder einer weniger.
Wer eine etwas substanziellere Betrachtung des Themas weak ties wünscht, möge folgenden Berkman talk mit Karrie Karahalios ansehen bzw. hören.
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