Netztheorie: Netzluft macht frei?

Kommentare

  
  1. Es ist ein strukturelles Grundbeben. Das Volk gelangt in die Beobachterposition anstelle der professionellen Volksbeobachter: Verlag in jeder Hütte, Kritik den Palästen …

  2. orangeguru sagt:

    Sorry, Deine Abend hier verschlafen …

    In Teutonia sind die Blogger im Endeffekt alle Loboisten: stark im Rauschen, schwach im Aktionismus.

    Was andere Regionen angeht, so müßte man das wirklich Land für Land machen.

    Für Länder ohne demokratische Kultur und öffentliche Systemkritik sind Blogs sicherlich wichtig und eine Bereicherung. Frage mich aber nur, wieviele zum Beispiel arme Ägypter, Unter- & Mittelschichten tatsächlich Zugriff haben?

    Natürlich stehen wir erst am Anfang dieser Entwicklung (blabla …), aber ich befürchte, daß der Mousetivismus als faule Form der Demokratie die Menschen noch mehr von der wahren politik entfernt (a la „Ich hab mein Kreuz gemacht und hab bei Facebook dafür gestimmt“) …

  3. Wittkewitz sagt:

    @orangeguru
    slacktivism ist das eine, aber in vielen Ländern der Erde haben Blogs wirklich eine demokratische Plattform geschaffen, die verletzbar und gefährlich für die Autoren ist, weil so etwas politisch nicht gewollt ist. Diese sehr starke demokratische Rolle von Blogs, die letztlich in Projekten globalvoices, ushahidi oder pembazuka eine Institution finden, ist mächtiger als viele denken. Das heißt nicht, dass es in Deutschland ähnlich mächtige Blogs gäbe. Aber warten wir es ab, mit jedem neuen Skandal kann das passieren und die schwarz-gelde Regierung ist fleißig dabei, neue Skandale zu produzieren (Privatisierung der Lebensrisiken zum Wohle der Versicherungen, Entsolidarisierung, Banken-HartzIV, kreative Förderung der Jüngsten ohne soziale Einbindung, Kürzungen und Schuldenverbote, abenteuerlicher Umgang mit Medizin und Pharmawelt). Wir werden sehen.

    @Matthias
    Nein, es wird niemand etwas richten – außer etwas hinrichten. Das Schirrmacher den Filteroffenbarungseid des Qualitätsjournalismus geleistet hat, hat er offenbar ohne mentale Achtsamkeit – das ganze Geschäftsmodell des Berufszweigs Journalismus ad acta gelegt. Insofern bleibt allein deshlab nichts Anderes als eine differenzierte Vernetzung via SNS oder eben twitter, um eine gute Versorgung mit guten Inhalten zu gewährleisten. Frage mich allerdings, wer dann die Recherche übernimmt, also die Arbeit, die die ganzen Informationsfilterer in den Redaktionen überhaupt erst ermöglicht hat. Denn das kann mir keiner erzählen, dass die Recherche in den Redaktionssesseln stattfand. In Summa: Was machen die Freien Autoren und Produzenten?

    Die Politiker brauchen uns nicht zu kümmern, die quacken eh nur das nach, was ihnen die Lobbyisten einflüstern. Da reicht es die Verlautbarungen und Studien der Verbände aufmerksam zu lesen, um zu wissen, was drei Monate später aus den Politikermündern gekrochen kommt. Ich brauche diese PR zweiter Ordnung übrigens so dringend wie sechs neue Füße.

  4. Ich war da auch schon optimistischer ob des Paradigmenwechsels und des augenscheinlichen Umstands, dass die „alten Siegelbewahrer“ überflüssig würden.

    Inzwischen denke ich nicht mehr ganz so radikal. Das Mediengeschäft wandelt sich zweifellos und wird kleinteiliger, vielschichtiger. Aber die Blogger allein werden es nicht richten. Es wird auch weiterhin ein paar große Medienhäuser geben, die Content geschickt in diverse Kanäle (mit Schwerpunkt Web) leiten und diesen auch monetarisieren.

    Die Politik, die heute noch um ihren Einfluss in den Medien zittert, wird schon bald erkennen, dass sie selbst zum Medium werden kann: Obama macht es ja vor auf whitehouse.gov. Selbst in Russland hat man das bereits verstanden und Präsident Medwedew videobloggt mittlerweile so fleißig wie sein amerikanischer Kollege, nur vielleicht nicht so eloquent in der Erscheinung.

  5. orangeguru sagt:

    Die Metaphern sind klar gewählt und mächtig – doch kommen sie dem aktuellen Paradigmawechsel (Ha!) auch wirklich nahe?

    Sind die Begrifflichkeiten / Mechnismen wie Siegelbewahrer, Bauern und Könige nicht die ersten Opfer des Dekonstruktivismus des Netz?

    Das Netz als Gleichmacher (im Guten wie im Schlechten) ist eine harsche Herrscherin. Ich stimme Dir absolut zu, daß die Knochen der alten Garde knirschen vor Angst. Doch in Zeiten der Transformation ist das „normal“ wie verständlich.

    Auf der anderen Seite werden die alten Siegelbewahrer durch neue ersetzt bzw. müssen sich den Kuchen teilen, der Journalist mit dem Blogger, der Pressesprecher mit dem Social Media Experten …

    Momentan sprechen „wir“ – die digital profilierte Elite – all zu viel über die Auflösung der alten Strukturen und die finalen Verteilungskämpfe des Mediasaurus.

    Es gibt zu wenig Aktivismus, technische, soziale und politische Experimente, um die neuen Möglichkeiten auszuloten. Jeder wartet ab was passiert, um dann auf den rollenden Zug aufzuspringen. Eisenbahningenieure und Investoren der digitalen Zukunft sind rar. Die Horden der Twitterbesserwisser zertweeten jede Form von Aktionismus ohne wirklich zu partizipieren – ein Retweet ist kein soziales oder politisches Engagement. Es ist öder Mousetivismus …

    http://ultraorange.net/2007/09/24/mousetivism/

    http://ultraorange.net/2009/01/22/the-first-digital-american-president-is-here-and-generation-twitter-pads-itself-on-the-shoulder/

    Im Endeffekt IMHO kommen wir auf die klassische Frage zurück: Alle Macht geht vom Volke aus – doch was wenn das Volk kein Interesse daran hat? Machtgebrauch basiert auf Engagement … doch die Zahl der politisch aktiven Bürger wird mit all den digitalen Gimmicks nicht höher, stattdessen nimmt die Verrauschung zu.

    • Jörg Wittkewitz sagt:

      Das ist ja eigentlich die Frage, ob wir mit einem Paradigma zurechtkommen. Aus meiner Sicht ist die Frage noch immer nicht ganz klar, ob es einfach ein Ersatz für Klatsch und Tratsch ist, also das Web sowohl das Telefon als auch das Papier neu erfindet. Das würde für eine graduelle Entwicklung sprechen und im paradigma bleiben. Wäre es aber anders und die vielbeschworene Emergenz träte auf und das Web würde ontologisch Neues hervorrufen, dann hätten wir hier wohl eher einen Syntagmawechsel. Denn dann hätten wir die Dimensionen vertauscht, wie Stowe Boyd neulich in Amsterdam und heute in Hannover erklärte, wäre der Einzelne die neue Gruppe und Zeit wäre der neue Raum. Die Links lese ich dann morgen mal in Ruhe, die letzten drei Tage waren etwas absorbing…

  6. Chat Atkins sagt:

    Dass die Türken wieder vor Wien stünden, um die Stadt per Rip-Off zu plündern, das scheint tatsächlich die fixe Idee mancher Verleger zu sein …

  7. Chat Atkins sagt:

    Yep – es geht im Kern um die Deutungshoheit abgehalfterter medialer Hoheiten, und nicht nur um ein ökonomisches ‚Geschäftsmodell‘. Es ist ein strukturelles Grundbeben. Das Volk gelangt in die Beobachterposition anstelle der professionellen Volksbeobachter: Verlag in jeder Hütte, Kritik den Palästen …

    • Jörg Wittkewitz sagt:

      Es wird interessant, ob und wie die Pharaonen in Berlin die Siegelbewahrer auf Distanz halten. Aber vielleicht sind wir auch schon soweit, dass die potemkinschen Dörfer der Presse als vierter Macht im Staat einfach eingerissen werden und die Pressevertreter den Stab des Hofmarschalls auf den Boden knallen und die Liste der Eingeladenen vorlesen, den Empfang bei Hofe durchführen und dann schließen sich wieder die Pforten und wir können nur noch via Räuberleiter einen Blick in die verbotene Stadt erhaschen.

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