Der Geist in der Lampe

Kommentare

  
  1. G. Schoenbauer sagt:

    Lieber Herr Wittkewitz,
    in meiner Verwandtschaft und meinem Freundes- und Bekanntenkreis ueberwiegen Sozialwissenschaftler und Aerzte, die mehrheitlich nicht im Hochschulbereich arbeiten.
    Dass man sich mit diesen Leuten, jenseits ihrer jeweiligen Spezialisierung, ueber Gott und die Welt unterhalten kann, ist eine taegliche Erfahrung. Wenn das, was ich am Wochenende in einem FAZ-Interview mit einem Philosophieprofessor namens Markus Gabriel ueber „Kant und das Internet“ lese, den Stand der Dinge in dieser Frage beschreibt, wuerde ich sagen, dass in einem solchen Gespraech unter Laien wahrscheinlich sogar mehr herauskommen wuerde, als dieser Philosoph ausfuehrt, und das nicht nur mit Bezug auf Fragen: Was ist „Verstand“, „Vernunft“ …?
    Wuerde ich mir in einer solchen Runde Ihren Standpunkt zueigen machen, wuerden mir von aerztlicher Seite mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die diagnostischen und operativen Vorteile der neuen Visualisierungsmoeglichkeiten entgegengehalten werden: dass es etwa ein Vorteil ist, einen Gehirntumor praezise lokalisieren, dem Patienten die Risiken einer Operation nicht minder praezise darstellen (ob er eine Beeintraechtigung des Geschmackssinns oder eine Querschnittslaehmung riskiert) und den Eingriff am Bildschirm beobachten zu koennen. Dass irgendjemand finale Aussagen über die Gehirntätigkeit und deren kulturelle “Korrelate” wie Willen oder Bewußtsein treffen wollte, wie Sie es behaupten, scheint mir eher unwahrscheinlich, wie mir solche Aussagen mit Betonung auf Finalitaet aus der aktuellen Diskussion auch nicht erinnerlich sind. Der Grund liegt m.E. auf der Hand: Ob der Mensch einen freien Willen hat, spielt in dieser medizin-biologischen Tradition doch keine allzu grosse Rolle; ebenso Fragen, ob man das Hoeren hoeren, sehen oder riechen kann usw. (dass Habermas keine Gelegenheit auslaesst, sich nach Positivismusstreit, Legitimationskrisen- und Systemtheoriediskussion eine weitere Backpfeife zu holen, sollte Sie nicht weiter irritieren).
    Und wenn ich Ihren Standpunkt gegenueber meinen sozialwissenschaftlich taetigen Bekannten und Freunden vertreten wuerde, wuerde man mich wahrscheinlich darauf hinweisen, dass die Entscheidung fuer bestimmte methodische Vorgehens- und Auswertungsweisen vom jeweiligen Gegenstand abhaengt. Dass man sich an die Standards (Objektivitaet usw.) haelt, ist doch voellig klar, auch dass man sich auf die theoretische Tradition eines Fachs besinnt, wenn es ans Interpretieren und Erklaeren geht. Habe am Wochenende eine Studie von Harald Hau ueber die Volatilitaetsfolgen der Einfuehrung der Tobin-Steuer gelesen, und frage Sie, wie man ein solchen Wust von Boersenkursen anders verarbeiten kann, als mit modernen statistischen Methoden; wenn Sie sich dem verweigern, koennen Sie eine solche, auch politisch brisante Frage nicht beantworten. Oder die von Ihnen wohl besonders geliebten Psychologen … Was ist eigentlich so verwerflich daran, wenn sie ihre Verhaltensdaten mit den „gehirngeographischen“ Ergebnissen von Neurologen vergleichen, was ja aus Validierungsgruenden sinnvoll sein kann? Einer meiner Freunde besitzt ein mittelgrosses psychiatrisches Krankenhaus fuer schwere Faelle. Den neuen Diagnosemethoden steht er absolut positiv gegenueber. Deren Grenzen sieht er wohl sehr viel deutlicher als ein Laie und an seiner grundsaetzlichen Literaturempfehlung fuer seine jungen Kollegen hat sich auch nichts geaendert: Jaspers Psychopathologie.
    Gruss
    G. Schoenbauer

  2. Wittkewitz sagt:

    Es wird zu zeigen sein, ob sie das Hören hören, das Denken denken und das Sehen sehen können. Bisher sehe ich nur Stoffwechselvorgänge die während der Wahrnehmung stattfinden. Die könnten sie auch am Herz oder im Hormonsystem bildlich darstellen. Ein kausaler Zusammenhang ist bisher nicht erkennbar. Ich finde es wirklich spannend, aber noch schöner fände ich es, wenn sie z.B. den Begriff der Intelligenz endlich mal aus dem pseudowissenschaftlichen Stadium entlassen könnten – würde mir völlig reichen, eine begründete Theorie zur Existenz dieses Begriffs zu erleben statt der Faseleien der letzten Jahrzehnte. Danach können sie gerne die Persönlichkeit und das Fühlen im Schädel finden…

  3. G. Schoenbauer sagt:

    Lieber Herr Wittkewitz,
    schoenes Pamphlet.
    Also dass Psychologen auf diese „Gehirngeographie“ (Durkheim) abfahren, wundert mich ueberhaupt nicht, stellten die grauen Zellen doch bisher eher ein „schwarzes Loch“ dar, von dem man mehr oder weniger nur wusste, dass man dieses unter „Strom setzen“ (Stimuli) konnte, um bestimmte Lern- und Verhaltensergebnisse zu erzielen, beispielhaft in „der“ Lerntheorie.
    Die naechsten, die sich mit der modernen Gehirnforschung anfreunden werden, werden wohl Psychoanalytiker sein, und hier koennte ich mir vorstellen, dass man auf diesem Weg Fragen zu klaeren sucht, die auf Unklarheiten, Ungereimtheiten und Widersprueche bei Freud zurueckgehen und aus diagnostischen, therapeutischen oder schlechterdings wissenschaftlichen Erwaegungen heraus auch klaerungsbeduerftig sind, etwa im Zusammenhang mit dem Konstanzprinzip.
    Und wenn wir schon bei der Behandlung Kranker sind. Wenn Sie ueberlegen, mit welchen Frankenstein-Methoden Gehirnforscher vor noch nicht allzu langer Zeit im Gehirn herumgefuhrwerkt haben (Lobotomie), auch was mit Elektroschock- und Psychopharmakabehandlungen fuer Unheil angerichtet wurde, koennte ich mir vorstellen, dass die jetzt erarbeiteten Visualisierungsmoeglichkeiten und die Verkartung ihrer Ergebnisse Psychopathologen und Neurochirurgen zu einer vorsichtigeren Herangehensweise veranlassen koennten, wie man sie im Nachhinein etwa Rosemary Kennedy haette wuenschen muessen („Underwent a lobotomy in 1941 which left her incapacitated; she was institutionalized from 1949 until her death.“).
    Dass jeder Fortschritt seine negativen Seiten hat, ist klar, wobei mir die Verwechslung eines Regressionsquotienten mit „wirklicher“ Erkenntnis aber gerade noch verkraftbar erscheint.
    Mit besten Gruessen
    G.S.

  4. Wittkewitz sagt:

    Nur wer schafft es schon, Chronos und Kairos ineins fallen zu lassen. Aber dann ist das sicher so.

  5. Jonathan sagt:

    ich denke, so sagt mir mein gefühl, in der gegenwart des lebendigen augenblicks sind wir alle magier.

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