Der junge Mann aus gutem Hause hat eine gute Ausbildung genossen. Das goutieren die vielen anderen Menschen aus gutem Hause. Sie funktionieren daher genauso wie es vorgesehen war: Jeder sucht aus dem norwegischen Plagiat genau das raus, was ihm oder ihr als Feindbild in den Kram passt.
So finden die Feministinnen seinen Frauenhass bedenkenswert, manche erkennen fundamentalistische Lehrmeinungen oder gar nationalistische Leitbilder.
Ein Glück, dass zumindest die norwegischen Richter nicht auf ihren Knöpfen rumdrücken lassen und die ganze Chose nicht coram publico durchkauen. Er bekommt dort keine Öffentlichkeit. Damit könnten die vielen Versatzstücke geistiger Tätigkeit genau dort bleiben, wo sie hingehören.
Aber jetzt wird alles hübsch genau da publiziert, wo es sonst nie stattgefunden hätte.
Sicher, einige Zeitgenossen werden nun erklären, dass man genau diese “kruden Thesen” im Licht der Öffentlichkeit diskutieren muss. Muss man das? Vor allem dann, wenn man das eigene Unverständnis gegenüber diesem Mann und diesen Ideen vor allen Menschen paaren muss mit der eigenen Ohnmacht?
Es wäre sicher hilfreich gewesen, auf den “enemy within” zu verweisen, so wie es Johann Galtung tat. Aber dann könnte man sich nicht an diesem 1500 Seiten langen Strohalm festhalten. Dann müsste man die Reflexion nach innen beugen, in das Innerste unserer Gesellschaft. Da ist aber keine Mitte! Da sind wir…
Leider hat der aufgeklärte Impetus aus Norwegen, der direkt nach den Nachrichten zu uns herüberschwappte keinerlei Denkpause eingeleitet. So haben die neuen Informationen die alten Schalter gedrückt und dieselben Phrasen aus den “Experten”, Journalisten und Politikern entlockt. Und mit diesen reflexhaften Analysen des Texts, der Internetnutzung und all der 1001 Attribute, die uns ermöglichen NICHT auf uns selbst zu schauen als mögliche Ursache, haben wir all den Nachahmern des Unabombers, McVeighs und all der ungezählten anderen ein weiteres Mal das Feld überlassen.
Gewalt ist eine Überschreitung der Grenzen. Sie war vor vielen Monden ritualisierter Teil jeder Gesellschaftsform. Es mag stimmen, dass er Probleme mit Frauen hatte, es wird sicher auch stimmen, dass seine Familiensituation traumatisch war, sein Serotonin-Spiegel zu niedrig war. Aber das ist auch bei 3.276.987 anderen europäischen Männern in seinem Alter der Fall. 23.986 davon tendieren sicher auch in die eine oder andere Richtung der Metageschichten, die er sich jeden Tag einredete, um sein Leben auszuhalten, egal ob es Frauenhass oder christlicher Fundamentalismus ist.
Aber der Mensch entscheidet unbewusst. Rationale Gründe erfinden wir immer erst nachher. Er hat dieses gigantische Plagiat geschrieben, um sich selbst vor seinen eigenen Gefühlen betrügen zu können, die er nicht aushielt. Wir sollten nicht den Fehler machen und diesen Betrug auch zu decken durch unsere penetranten Analysen, die nur unsere Vorurteile füttern und damit das eigentliche Problem überdecken: Warum verraten viele von uns irgendwann im Leben sich selbst und die innersten Gefühle, nur um am Leben der Gemeinschaft teilnehmen zu können? Und warum verlangt die Gesellschaft so eine emotionale Amputation?
Möglicherweise wäre es dann auch mal Zeit, darüber nachzudenken, welche Bestrafung all die privaten und institutionellen Anleger erfahren sollen, die ihre Gelder in Fonds Geld stecken, die mit Warentermingeschäften am Nahrungsmittelmarkt mitverdienen. Denn so etwas verschärft die Situation für Hunderttausende Afrikaner und in anderen Kontinenten. Aber da dort kein wirrer, frustrierter Norweger rumschiesst, scheint das viel zu vielen Empörern egal zu sein.